Sehr bewegend!

 

Aus gegebenem Anlass schauen wir uns heute mal an, was es mit Bewegung auf sich hat.

Im Duden lautet die Definition unter anderem:

das Bewegen von jemandem durch Veränderung der Lage, Stellung, Haltung, sowie etwas bewegen und sich von etwas bewegen lassen. Außerdem ein inneres bewegt sein, innere Bewegtheit, Ergriffenheit.

Da geht es also um deutlich mehr als Sport. Doch das nehmen wir jetzt mal als Einstieg.

Bewegung im physischen Sinn ist zweifellos gesund; tut Körper, Seele und Geist gut.

Leider bewegen wir uns immer weniger, was besonders für die Entwicklung unserer Kinder nachteilig ist.

Neben sportlicher Aktivität ist Bewegung von Natur aus ein Regulator für Stress.

So regulieren Tiere ihr Nervensystem bei hohem Stresslevel durch Zittern und Schütteln. Das ist eine sehr natürliche und ursprüngliche Reaktion auf Anspannung. Wenn wir uns nun anschauen, wie Kinder mit Stress umgehen, können wir dort, wo es erlaubt ist, ein sehr ähnliches Verhalten beobachten.

Babys strampeln und schütteln den Kopf, wenn alles zu viel wird, vom Schreien mal abgesehen. Kleinkinder setzen sich über Bewegung mit der Umwelt auseinander und dadurch wird Entwicklung erst möglich. Reize zu verarbeiten geht demnach mit Bewegung einher. Beim kleinen Kind ist die Menge an Bewegung am größten und nimmt mit zunehmendem Altem ab.

Das heißt, Bewegung ist die natürliche Reaktion auf Spannung. Wenn wir nun einen ehrlichen Blick auf den Alltag unserer Kinder werfen, müssen wir feststellen, dass es sehr häufig nicht möglich ist, diesen Hebel zu nutzen.

Der meist eng getaktete Schulalltag, Frontalunterricht, viel Druck und Anspruch bezüglich der Leistung, ständiger Vergleich und Konkurrenz unter Gleichaltrigen, bis hin zum Schulabschluss-Wahn, der ja schon in der Grundschule beginnt, erlauben selten wirklich Entspannung.

Da brauchen wir uns mit innerfamiliären Stress durch Mehrfachbelastung oder Spannungen in der Paarbeziehung noch gar nicht zu beschäftigen.

Oder der Tatsache, dass sie akustisch und visuell quasi ständig überfordert werden.

Wenn nun also das Nervensystem unter Dauerstrom steht, reicht eine gut durchschlafene Nacht meist nicht mehr aus, um zu regenerieren.

Früher oder später greifen wir zu Hilfsmitteln, die vermeintlich Entlastung schaffen. Oder wir erlauben ein Abhängen vor dem Fernseher und dem PC, um „runterzukommen“

Wir kennen sie alle, die Ablenkungs- und Ausblende-Strategien, die uns die modernen Bildschirmmedien ermöglichen.

Bekanntermaßen bewirkt weder das Licht eines Bildschirms, noch der Inhalt des Gesehenen Erholung, sondern eher ein dumpfes Runterfahren auf Standby-Modus.

Mal ganz abgesehen vom Zocken, bei dem eben noch mehr Anspannung und Adrenalin entsteht. Anstatt das zu bewegen, was das Kind bewegt.

Es ist fraglich, ob ein Organismus, der sich im Aufbau und Wachstum befindet, in seiner Entwicklung gefördert oder gehindert wird.

Es geht nicht darum, die Medien zu verteufeln.

Vielmehr möchte ich die Tatsache benennen, dass diese Daueranspannung bei Kindern ziemlich alltäglich ist. Beginnend übrigens bereits im Krippenalter.

Heute fallen etwa 35% aller Kinder durch Unruhe auf. Besonders Jungs scheinen es hier schwer zu haben. Dabei gibt es nur bei etwa 5% tatsächlich einen pathologischen Befund.

Ziemlich schnell folgt eine Diagnose und in der Folge Medikamente.

Diese Zahl und vor allem der massive Anstieg dieses Unruhe-Phänomens der heutigen Zeit, in den letzten 5 Jahren, ist alarmierend.

Da kommen also zur Sogwirkung der Bildschirmmedien die Drogen (Definition: Drogen sind Substanzen, die auf das zentrale Nervensystem einwirken) gleich noch dazu. Das ist sicher ein bequemer Weg. Symptome erkennen und wegmachen – doch was ist mit den Ursachen?

Da ließe sich bestimmt was bewegen, in solch bewegten Zeiten und derart bewegenden Zuständen.

Ganz sicher wäre es für eine Vielzahl der Kinder, besonders der Jungs, sinnvoller, auf mehr Stress-Regulation in Form von ungezügelter Bewegung zu setzen, statt zu unterdrücken oder diagnostizieren.

Mit Papa abends zweimal um den Block rennen oder wenigstens ne halbe Stunde toben? Mit Opa den Garten umgraben, oder mit dem Patenonkel Fahrrad fahren – aber die haben doch so wenig Zeit? Ja, da liegt vielleicht auch ein Grund für die Anspannung – wenig „Mannsbilder“ im Leben eines Jungen zwischen 1 und 12 Jahren.

Noch so ein bewegendes Thema, na vielleicht beim nächsten Mal!?


Autorin: Susanne Sonnleitner